Geschichte der Architektur in Europa – die Galerie

Die Galerie – Ein dominierendes Element der europäischen Architektur

Das Wort „Architektur“ bedeutet „Baukunst“ und wird vom lateinischen und griechischen Wort „architectura“ abgeleitet. Die „Mutter der bildenden Künste“ (laut Vitruv) erfüllt jedoch nicht nur den Zweck einer Ästhetik, sondern schafft auch Raum.

Einige Schlagworte dürften allen während der Ausbildung in der Baubranche begegnet sein. Unser Blog dient unter anderem auch der Inspiration aller am Bau Beteiligten. Dazu gehört auch, der Geschichte der Architektur auf den Grund zu gehen. Einen entscheidenden Einfluss auf die heutige Architektur hatte dabei die Kirche.

Die Galerie in der Kirchenarchitektur

Kirchenarchitektur – die Galerie

Die Geschichte der Architektur in Europa ist ohne den Einfluss der Kirche kaum denkbar. Viele Jahrhunderte lang waren große Bauprojekte nur durch, von der Kirche bereitgestellte, finanzielle Mittel möglich. Die Entwicklung der europäischen Architektur wurde also zunächst stark durch die Entwicklungen in der Kirchenarchitektur vorangetrieben. Rückblickend lässt sich ein charakteristisches Element der Sakralbauten des Mittelalters als besonders dominantes Relikt innerhalb der Architekturgeschichte Europas ausmachen: die Galerie.

In der mittelalterlichen Kirchenarchitektur wurde ein spezieller Vorraum als galilea bezeichnet. Daraus ging über das altfranzösische Wort „galilée“ der Begriff „Galerie“ hervor, mit dem zunächst ein „langer Säulengang“ beschrieben wurde.

Als Zwerggalerie tauchte dieser zumeist offene Arkadengang zunächst um 1050 am Trierer Dom und dann um 1100 am Speyerer Dom auf. In der romanischen Kirchenarchitektur ist dieser Typ der Galerie in den Folgejahren dann konstant im Kirchenbau anzutreffen.

Speyer Kirchenarchitektur
Der schiefe Turm von Pisa

Die Zwerggalerie diente zunächst als reines Zierelement einer Außenfassade. Dann wurde sie zunehmend ein begehbarer Teil der Gebäudearchitektur, der das Gebäude als Gang zu einer Seite auf den Außenraum hin öffnet. Ein berühmtes Beispiel für ein solches Bauwerk, das sechs übereinander arrangierte Säulengalerien integriert, ist der Schiefe Turm von Pisa, mit dessen Bau 1173 begonnen wurde.

In der Renaissance wurde aus dem Element, das ursprünglich der Gebäudegestaltung nach außen diente, dann ein Element, mit dem Räume eines Gebäudes intern verbunden wurden.

Die Galerie der Renaissance

Inbegriff der Galerie des Renaissancestils ist die Spiegelgalerie von Versailles, mit der auch die neuen Möglichkeiten der Verspiegelung und Verglasung ausgeschöpft wurden. Siebzehn Fenster der Spiegelgalerie gehen hinaus auf den Park. Ihnen gegenüber liegen Spiegel gleicher Größe mit über 350 Spiegelflächen an der Innenwand des Saals. Die Weiterentwicklung der Flachglastechnik durch das Walzverfahren im 17. Jahrhundert machte die Ausgestaltung des Spiegelsaals von Versailles erst möglich.

Spiegelgalerie Versailles

Mit der Compagnie des Glaces sicherte sich seit 1688 der französische Staat das Monopol auf die Flachglasproduktion und trug zur weiten Verbreitung von Architektur unter der großflächigen Verwendung von Glas stark bei. Dass die langen Galeriegänge der Renaissance oft mit Skulpturen, Gemälden oder Fresken dekoriert waren und hell von Licht durchflutet wurden, ist auch der Grund dafür, dass „Galerie“ heute zum Synonym für Ausstellungsräume geworden ist, in denen Kunst ausgestellt wird.

Die Galerien der Moderne

Naturgemäß waren es vor allem auch die Gewächshäuser, in denen die europäischen Kolonialmächte am Ende des 19. Jahrhunderts exotische Pflanzen ansiedelten und ausstellten, bei denen nun die lichtdurchflutete Galerie als Orangerie integriert wurde. Beispiele hierfür sind vor allem die Glas-Eisenkonstruktionen der Gewächshäuser Palm House in Kew Gardens oder die Königlichen Gewächshäuser in Laken bei Brüssel.

Palm House in Kew Gardens

Mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts wurde die von oben belichtete, seitlich verglaste und zu durchschreitende Galerie dann zur Passage, zu deren beiden Seiten sich Verkaufsräume anschließen und in deren Vitrinen und Schaufenstern gut ausgeleuchtete Objekte zum Verkauf angeboten werden.

Mall of Berlin

Über die Galerie führt also ein direkter Weg von den europäischen Sakralbauten über die aristokratischen Prunkbauten des europäischen Adels zum zeitgenössischen Architekturstil kommerziell genutzter Räume.